Zurück zu allen Impulsen Serie „Führung im Nebel“ · Folge 2

„Das diskutieren wir hier nicht.“ — Der teuerste Satz in einem Unternehmen

Besprechung hinter Glas in einer Produktionshalle, ein Stuhl bleibt leer

Illustration: mit KI erstellt

Es gibt einen Moment, den ich in fast jedem Mandat erlebe.

Jemand legt ein Thema auf den Tisch. Meistens nicht der Lauteste im Raum. Und bevor der Satz zu Ende ist, ist das Thema schon wieder weg. Nicht mit einem Gegenargument. Mit einem Tonfall.

„Das haben wir geprüft.“
„Dafür ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.“
„Das diskutieren wir hier nicht.“

Niemand widerspricht. Die Tagesordnung geht weiter. Und alle im Raum haben verstanden, was gerade passiert ist.

Ich habe lange gebraucht, um zu begreifen, dass das nicht nur ein Führungsfehler ist. Es ist Schutz. Ein Thema wird zum Tabu, wenn es an etwas rührt, das nicht entschieden ist — oder an etwas, das jemanden etwas kosten würde: Budget, Rolle, Gewissheit. Tabus sind nicht dumm. Sie sind teuer.

Und im Moment gibt es ein Thema, das häufiger tabuisiert wird als viele andere.

Nicht: „Wir müssen etwas mit KI machen.“ Das steht in fast jeder Strategie, das kostet nichts. Sondern: „Was passiert mit dem, wofür unsere Kunden uns heute bezahlen, wenn es woanders in einem Bruchteil der Zeit entsteht?“

Das ist die unbequeme Version. Und die wird in erstaunlich vielen Häusern nicht gestellt.

Ich sage ausdrücklich nicht, dass KI alles löst. Von der Erlösungserzählung halte ich wenig, die meisten Werkzeuge sind weniger, als versprochen wird. Aber zwischen „KI löst alles“ und „darüber reden wir hier nicht“ liegt ein großer Raum. In diesem Raum wird gerade entschieden, welche Geschäftsmodelle in fünf Jahren noch tragen.

Wer mit alten Mitteln in neue Fahrwasser segelt, merkt das Problem nicht am ersten Tag. Das Boot ist in Ordnung. Die Mannschaft kann segeln. Nur das Wasser ist ein anderes geworden.

Interessant ist, wo die Bremse wirklich sitzt. Die Adecco Group hat im Mai zweitausend Vorstände und Geschäftsführungen in dreizehn Ländern befragt. 70 Prozent der Mitarbeitenden fühlen sich bereit, mit KI-Agenten zu arbeiten. Nur 39 Prozent der Führungskräfte glauben, dass ihre Leute dafür bereit sind.

Einunddreißig Prozentpunkte. Das Team ist seltener das Problem, als Führung vermutet. Das Team wartet.

In Folge 1 dieser Serie ging es um den Teamleiter, der seine Frage erst in der Kaffeepause gestellt hat, weil sie im Meeting keinen Platz hatte. Das hier ist dieselbe Geschichte, eine Ebene höher. Auch in der Geschäftsführung gibt es Fragen ohne Platz — nur sitzt über ihr meist niemand, dem es auffällt.

Genau dort beginnt meine Aufgabe. Das Thema zurück auf den Tisch legen, das schon zweimal abgeräumt wurde. Die unangenehme Wahrheit aussprechen, auch wenn sie niemand hören will. Und wenn sie folgenlos bleibt, das Projekt zu riskieren, statt weiter mitzulaufen. Nicht, weil ich die Antwort hätte. Sondern weil die Frage gestellt gehört.

Meine Frage: Welches Thema ist bei Euch in den letzten zwölf Monaten zweimal aufgetaucht und zweimal wieder verschwunden — und wer hätte etwas zu verlieren, wenn es beim dritten Mal liegen bliebe?

Quelle: Adecco Group, „The human premium: Leadership beyond the algorithm“, 21. Mai 2026 — Befragung von 2.000 Vorständen und Geschäftsführungen in 13 Ländern.

Führe dich selbst, und alles andere folgt.
— Ralf

Klingt das nach einer Situation, die du kennst?

Wenn du jemanden suchst, der mitdenkt — nicht nur zuhört — lass uns reden.

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Serie „Führung im Nebel“

Folge 2 von sechzehn. Die Serie geht den unbequemen KI-Fragen nach, die in Meetings selten gestellt werden — alle Folgen im Überblick.

Vorherige Folge: Wird es meinen Job in drei Jahren noch geben?

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